Zündstoff Rotating Header Image

Bachfest: Rekordverdächtig

Bachs Englische Suiten auf dem Synthesizer

Detmold. Die Besucher des Konzertes „Bach zur Nacht“ waren froh, einen Sitz- oder Stehplatz im Brahmssaal ergattern zu können. Denn der Multiinstrumentalist Andrej Doynikov wagte an diesem Freitagabend (ab 22 Uhr) ein einzigartiges Experiment: Er spielte alle sechs Englische Suiten von Bach á dreißig Minuten auf verschiedenen Instrumenten.
Er katapultierte die Zuschauer von eine Zeit in die andere – nacheinander spielte er auf dem Rhodes Piano, Marimbaphon, Cembalo, der Hammond-Orgel, dem Hammerflügel und schließlich auf einem Synthesizer. Das Ergebnis war sensationell – nicht nur, dass verschiedene Aspekte in Bachs Musik deutlich wurden, Doynikov manifestierte vor allem seine tiefe Musikalität, die er hauptsächlich auf den Tasteninstrumenten bewies, obwohl er eigentlich Marimba studiert hatte. Er stellte sich jedes Mal erneut perfekt auf das neue Instrument ein, artikulierte hervorragend und bewies Feingefühl, ohne, dass der (gänzlich auswendige) Vortrag zum bloßen Bach-Marathon ausartete.

Jedes der gespielten Instrumente hat seine eigenen Klangeigenarten, und -möglichkeiten, ferner sind sie unterschiedlich zu spielen: Das Cembalo hat einen anderen Anschlag als die Hammondorgel. Insofern muss man sich für jedes Instrument, zumal sie für diese Interpretationen nur selten bis nie genutzt werden, eine ganz neue Interpretation erarbeiten. Am Synthesizer wird das am deutlichsten. Der Anschlag ist für den Pianisten stark gewöhnungsbedürftig, wobei gleichzeitig die Zahl der Möglichkeiten ins Unendliche steigt. So wird Bachs sechste Englische Suite stark verzerrt, wie auf der E-Gitarre, dann erklingt sie in „Plopp“-Geräuschen, dann in der Art einer Marschband. Im letzten Satz bekommt sie durch die Verfremdungen, die Andrej Doynikov mit dem Laptop steuert, eine groteske Maske.
Ganz anders in der Version für Hammerklavier. Das Brückeninstrument von Cembalo zum modernen Klavier verwirklicht emotionale wie polternde Züge der Bach’schen Musik. Die Hammond-Orgel trägt dagegen fast impressionistische Züge. Da man mit ihr eher Jazzmusik assoziiert, wundert es nicht, dass die jazzigen Akkorde in Bachs Musik sofort auffallen. Ein wenig enttäuschend schlägt sich das Rhodes-Piano: Die Klangvariabilität ist für einen Bach nicht ausreichend. Die Marimba jedoch, Doynikovs Hauptinstrument ist mit ihrem magischen Klang ein würdiger Ersatz zum Klavier. In Perfektion erklingt hier die zweite Englische Suite.
Andrej Doynikov ist ein Marimba-Spieler, der in Russland studiert hat und 2008 nach Deutschland kam, um sein Konzertexamen bei Peter Prommel zu machen. Er beschäftigt sich intensiv mit verschiedenen Instrumenten und arbeitet als Komponist und Dirigent. Dennoch gibt er sich nach dem Konzert bescheiden. Auf der Bühne des „kochenden“ Brahmssaals hält er die Notenausgabe der sechs Englischen Suite in die Höhe und verweist auf den großen Meister, Johann Sebastian Bach.

One Comment

  1. Philipp sagt:

    Ich muss zugeben, dass es so ab halb eins nachts schwierig wurde, zuzuhören. Andras Schiff, der große Pianist, hat das auch schon mal gemacht, alle sechs Suite An einem Abend zu spielen – aber auf dem Flügel! Doynikov hat sich immer auf ein neues Instrument eingestellt. Bemerkenswert!

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


fünf + 3 =