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Mauerfall

 „Ich habe mir neue Jeans gekauft“

Erinnerungen an eine Jugend im geteilten Deutschland

Detmold. Am 9. November 2014 jährte sich der Fall der Berliner Mauer zum 25. Mal. Zündstoff-Mitarbeiterin Anna Muer hat zwei Zeitzeugen aus dem Westen und aus dem Osten getroffen, um mit ihnen über die damaligen Alltag, die Bespitzelungen durch das Ministerium für Staatssicherheit und deren persönlichen Erlebnisse vor allem zum Tag des Mauerfalls, zu sprechen. Andrea M. (40) aus dem Osten, damals 14 Jahre alt, ist nach Lippe zu ihrer Tante gezogen, um einen Neuanfang durch ein Studium zu beginnen, während Kathrin B. (34) bis vor fünf Jahren in Northeim – an der damaligen DDR-Grenze wohnte – lebte und wegen der Liebe nach Lippe kam.

 Wo haben Sie damals gewohnt?
Kathrin: Ich habe mit meiner Familie nahe der östlichen Grenze der damaligen Bundesrepublik  in Northeim gewohnt.
Andrea: Luckau – eine frühere Kreisstadt im Spreewald in Brandenburg, damals mit ca. 6000 Einwohnern.

Wie war Ihr Leben damals?
Andrea: 1989 war ich 14 Jahre alt.  In der DDR war das Gemeinschaftsgefühl groß. Als Kinder waren wir bei den Pionieren, später bei der FDJ… Es gab viele gemeinsame Aktionen. Für uns war das Leben ’normal‘. Wir hatten nicht das Bedürfnis die DDR zu verlassen sowie andere. Unsere Briefe schrieben wir sehr oberflächlich, falls die Stasi sie kontrollieren würde.
Kathrin: Ich selber habe nicht viel von der Mauer mitbekommen. Wir hatten im Westen alles, sodass es uns gut ging und man sich als Kind kaum Gedanken darüber gemacht hat.

Hatten Sie Verwandte auf der anderen Seite?
Kathrin: Wir hatten Verwandte in Dresden. Kontakt bestand insofern, dass wir Besuche gemacht haben, Päckchen zu Weihachten verschickt wurden… Bei der Überfahrt in den Osten wurden wir stark kontrolliert, vor allem, weil meine Mutter beim Landkreis und mein Vater bei der Bank tätig war. Alles musste bis ins kleinste Detail angegeben werden: der Beruf, der Grund der Reise, das Ziel… Durch den Beruf meiner Mutter bestand bei der Stasi die Angst, dass sie Fluchthilfe durch Dokumentenfälschung leisten könnte. Wir wurden sogar während des Aufenthalts in Dresden bespitzelt.
Andrea: Im Westen hatten wir Onkels und Tanten. Mein Opa und mein Cousin sind dorthin ‚ausgewandert‘.

Sie sprechen von ‚auswandern’…
Andrea: Damals sagte man ‚auswandern‘, anstatt ‚flüchten. Mein Cousin ist 1989 noch über Ungarn in den Westen gegangen. Mein Opa ein paar Jahre früher. Wir haben uns gelegentlich heimlich in Berlin verabredet. Meine Eltern hatten aber nie vor in den Westen zu gehen.

Kathrin, wie war der Aufenthalt für Sie bei Ihren Verwandten?
Kathrin: Unsere Verwandte waren sehr um uns bemüht, wenn wir zu Besuch kamen. Es sollte alles im Haus sein, oft wurden sogar Sachen getauscht. Wir selber haben beispielsweise Seife, Strumpfhosen, Süßigkeiten und Kaffee mitgebracht – das war dort sehr teuer.

Bestand Kontakt zu den Verwandten?
Andrea: Wir haben uns gelegentlich heimlich in Berlin verabredet. Briefe formulierten wir oberflächlich, falls die Stasi sie kontrollieren sollte.
Kathrin: Wir besuchten unsere Verwandten in Dresden, verschickten Päckchen zu Weihachten…

Haben Sie viel von dem Umbruch mitbekommen?
Kathrin: Ich habe es selber nicht wirklich wahrgenommen. Durch meine Eltern und die Schule wurde ich mit dem Thema konfrontiert. Was ich nach dem Fall allerdings merkte, da wir sehr nah an der Grenze wohnten, waren die leeren Supermärkte, die von den Menschen aus dem Osten leergeräumt wurden.

Andrea, war es bei Ihnen im Osten anders…
Andrea: Die Nachricht hat sich schnell verbreitet, vor allem in der Schule. Am Donnerstag den 9. November 1989 waren viele Schüler nicht im Unterricht. Viele sind am gleichen Tag rüber gefahren.Niemand wusste, wie lange die Grenze offen bleiben würde.

Wollten Sie auch auf die „andere“ Seite?
Kathrin: Meine Eltern sind direkt in den darauffolgenden Tagen mit mir in den Osten gefahren. Ich konnte noch die ganzen Wachtürme sehen.
Andrea: Ich war erst im Januar 1990 im Westen. Bei unserer Ankunft haben wir die 100 Mark Begrüßungsgeld bekommen.

Hatten Sie eine Idee, was Sie mit dem Geld machen wollten?
Andrea: Ich habe mir neue Jeans gekauft. Die konnte man sich in der DDR gar nicht leisten.

Welche Emotionen gingen in Ihnen vor?
Kathrin: Meine Eltern waren glücklich. Doch sie hatten Angst vor finanziellen Schwierigkeiten. Alle Menschen aus dem Osten sollten Begrüßungsgeld, sowie später die gleiche Rente bekommen wie wir, obwohl sie nie etwas in die Bundesrepublik eingezahlt hatten. Darüber regte sich mein Opa auf.

Man hört verschiedene Meinungen… War die Zeit vor dem Fall besser?
Kathrin: Auf keinen Fall! Ein Land durch eine Mauer zu trennen ist heute undenkbar. Das Leben, wie ich es von meinen Verwandten mitbekommen habe, „eingesperrt und mit Angst leben zu müssen, wünsche ich niemandem.
Andrea: Es ist schwierig zu sagen, Menschen erinnern sich oft nur an gute Zeiten, die schlechten werden schnell verdrängt… Sehr positiv war das Gemeinschaftsgefühl, welches meiner Meinung nach heute nicht mehr so stark ist.

Merken Sie noch Unterschiede zwischen den Menschen aus dem Westen und denen aus dem Osten?
Kathrin: Es gibt einige Ostdeutsche, das kann man nicht pauschalisieren, die immer noch davon ausgehen, man würde sie finanziell hintergehen.
Andrea: Wenn ich in Lippe noch ‚Ossis‘ treffe, rede ich gerne über alte Erlebnisse. Es besteht noch ein Gefühl der Verbundenheit durch die gemeinsame Vergangenheit. Am Wesen der Menschen kann ich keine Unterschiede feststellen.

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